Interview mit Prof. Michael ten Hompel

Herr Prof. ten Hompel, die Social Networked Industry war bereits Leitthema des Zukunftskongress Logistik 2017. In den vergangenen Jahren lag der Fokus dann vermehrt auf Künstlicher Intelligenz und Open Source. Wie gehören diese Themen zusammen? 

Michael ten Hompel
© Fraunhofer IML
Porträt des Institutsleiters Michael ten Hompel

2017 haben wir gesagt, dass wir auf eine Welt zusteuern, in der Menschen und Maschinen partnerschaftlich in sozialen Netzwerken zusammenarbeiten, und wir haben diese neue Welt »Social Networked Industry« genannt und die Ergebnisse des gleichnamigen BMBF-geförderten Projektes vorgestellt. Heute sehen wir, dass Künstliche Intelligenz mehr und mehr zu einem aktiv handelnden Partner des Menschen wird. Es entsteht eine Social Networked Industry, in der KI nicht nur Auskunft gibt, sondern mehr und mehr aktiv steuert, verhandelt oder plant. Diese Entwicklung war schon 2017 absehbar – dennoch überrascht die Geschwindigkeit, in der sich der Wandel vollzieht, und die Logistik steht erneut im Mittelpunkt. Wie schon damals gesagt: »Die Digitalisierung von allem und die Künstliche Intelligenz in allem wird alles für uns alle ändern.« Zugleich erkennen wir, dass kein Unternehmen und kein Institut groß genug ist, um sich dieser Herausforderung allein zu stellen. Das führte zur Einsicht, dass die Zeit der Alleingänge vorbei ist. Daher haben wir die unternehmensfinanzierte Open Logistics Foundation initiiert. Deren Ziel ist es, ein Open-Source-Ecosystem für die Logistik zu schaffen – sozusagen ein Linux für Logistik und KI. Die Themen Social Networked Industry, Künstliche Intelligenz und Open-Source-Technologien sind also eng miteinander verbunden. Ich bin davon überzeugt, es wird das eine nicht ohne das andere geben.

Der Zukunftskongress Logistik 2023 trug den Untertitel »Lernen was wir nicht verstehen«. Was ist damit gemeint?

In der Logistik haben wir es häufig mit sehr großen Betrachtungsräumen, multikriterieller Optimierung und komplexen Systemen zu tun. Hier kann uns Künstliche Intelligenz helfen, auf neue Lösungen zu kommen und unsere Systeme besser zu steuern. Dies führt uns gewissermaßen zu einem neuen Paradigma des Lernens, indem wir zum Beispiel eine KI mit vielen Daten und Erfahrungswissen füttern und anschauen, welche inneren Zusammenhänge sich daraus lernen lassen. Hieraus können neue Lösungen, zum Beispiel zur Steuerung eines Roboterschwarms, für den nächsten Batch in der Kommissionierung oder für die Planung eines logistischen Systems generiert werden.

Wie wird das Zusammenspiel von Social Networked Industry, Künstlicher Intelligenz und Open Source die Arbeit der Zukunft verändern?

Zunächst ist festzustellen, dass das Thema Künstliche Intelligenz in der Branche angekommen ist. 100 Prozent der befragten Logistikerinnen und Logistiker bewerten »Data Analytics & Artificial Intelligence« als für sie bedeutend oder sehr bedeutend. Das Thema wird weite Bereiche der logistischen Arbeitswelt verändern: von der Disposition über die Bestandsführung bis zum Bereich der »Embodied AI« – also der »anfassbaren« KI auf dem Shopfloor. In einigen Jahren werden viele belastende Tätigkeiten durch intelligente, zunehmend »humanoide« Roboter erbracht. Unser evoBOT weist schon ein kleines Stück in diese Richtung. Ich bin davon überzeugt, dass unsere AGVs bald Arme bekommen werden. 

Künstliche Intelligenz ist spätestens seit ChatGPT in der öffentlichen Wahrnehmung präsent und vielleicht auch der einschneidendste Megatrend unserer Zeit. Warum ist es so wichtig, jetzt auf KI im Kontext der Social Networked Industry zu setzen?

Neue Märkte für KI-basierte Anwendungen entstehen jetzt und ich bin davon überzeugt, dass diejenigen gewinnen werden, die Daten, Wissen und Kontext sinnvoll miteinander verbinden. Diese »Trianguläre KI³« ist auch das zentrale Thema unseres neuen Lamarr-Institutes. Dort arbeiten wir mit der TU Dortmund, der Universität Bonn und dem Fraunhofer IAIS zusammen an den Grundlagen einer neuen KI-Generation. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft (NRW) fördern hierzu elf neue Professuren und über 100 Stellen im wissenschaftlichen Bereich. Nun ist aber auch die Wirtschaft gefordert. Will man als Unternehmen in diesem Bereich neue Märkte erschließen, so sind jetzt erhebliche Investitionen erforderlich. Die meisten Entwicklungen entstehen eben nicht mehr in stillen Kämmerchen, sondern in großen Entwicklungsgemeinschaften (Communities) – viele davon auf Open-Source-Basis, so wie es auch bei ChatGPT geschah. Aber auch im Open-Source-Bereich muss man sich aktiv engagieren und investieren. Microsoft und Co. haben dies längst erkannt und investieren Milliarden, um sich Zukunftsmärkte zu sichern. Wer mitspielen will, muss jetzt die Zuschauerränge verlassen und aufs Spielfeld.