Studie »City-Logistik neu gedacht – Impulse für das Stuttgarter Rosensteinviertel«

Notwendige Infrastrukturen schon in der frühen Planungsphase mitdenken und integrieren!

Pressemitteilung / 09. September 2020

Wie Mobilität von Menschen und Gütern umweltgerecht und stadtverträglich umgesetzt werden kann, dazu liefert die am 8. September 2020 veröffentlichte Studie »City-Logistik neu gedacht – Impulse für das Stuttgarter Rosensteinviertel« der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart wissenschaftlich fundierte Antworten. Am Beispiel des in einigen Jahren zu realisierenden Rosensteinviertels im Zentrum Stuttgarts werden insgesamt zwölf Ansätze und deren Wirkungspotenziale aufgezeigt, wie die Versorgung der Bürger und Unternehmen künftig deutlich besser ablaufen kann.

Rosensteinstudie
© Pesch Partner Architekten Stadtplaner GmbH

»Wenn im Rosensteinviertel Leben und Arbeiten stadtverträglich bei hoher Lebensqualität in Einklang gebracht werden sollen, dann müssen die dafür notwendigen Infrastrukturen schon in der frühen Planungsphase berücksichtigt werden«, betont IHK-Hauptgeschäftsführer Johannes Schmalzl.

Die Studie wurde im Auftrag der IHK Region Stuttgart vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, dem Verkehrsplanungsbüro Planersocietät in Karlsruhe und dem Büro Pesch Partner Architekten Stadtplaner GmbH aus Stuttgart durchgeführt.

Die wesentliche Stellschraube für eine funktionierende und von den privaten wie auch gewerblichen Sendungsempfängern akzeptierte Innenstadtlogistik liegt im Zusammenwirken innovativer Systeme, die für alle Beteiligten einen Mehrwert bieten. Stadt- und Verkehrsinfrastruktur müssen so geplant werden, dass der Personen- und der Güterverkehr im Einklang mit Klimaschutz- und Nachhaltigkeitszielen stehen. Im Vergleich zu gewachsenen Bestandsquartieren und ihrer Flächenverteilung offenbaren neue urbane Quartiere wie das Rosensteinviertel vielfältige Potenziale, um logistische Flächen und Ansprüche des zunehmenden Waren- und Wirtschaftsverkehrs von Beginn an mitzudenken und innovative Lösungen zu berücksichtigen. »Das ist eine einmalige Chance für Stuttgart. Speziell was die logistische Innenerschließung dieses Viertels angeht, kann ein großer Wurf gelingen, der Vorbild für andere Städte in Deutschland, Europa und letztlich weltweit sein könnte«, so Schmalzl.

Die in der Studie vorgestellten Logistiklösungen decken die zur Ver- und Entsorgung von Mischgebieten benötigten Prozesse und Leistungen ab und erstrecken sich auf die gesamte Bandbreite zwischen bereits etablierten Lösungen als auch visionären Innovationen für die innerstädtische Güterversorgung. »Die Studienergebnisse sind daher nicht nur auf große Vorhaben wie das Rosensteinviertel, sondern auf jede Umgestaltung bestehender und insbesondere neu entstehender Quartiere übertragbar, auch in kleineren und mittelgroßen Städten«, ergänzt Mario Flammann, Geschäftsführer von Pesch Partner Architekten Stadtplaner GmbH.

Die Studie erklärt, wie Liefervorgänge vermehrt auf private Flächen verlagert und im Hintergrund statt im öffentlichen Raum abgewickelt werden können, wie mehr Logistik bei weniger Straßenverkehr machbar ist und welche Vorteile sich für Bürgerinnen und Bürger sowie für Unternehmen durch eine bedürfnisorientierte Steuerung der Logistik ergeben. So können Logistikflächen in den Untergeschossen von Gebäuden zur zentralen Versorgungsinfrastruktur werden, von der aus die Bewohner und die Gewerbetreibenden »in-house« beliefert werden. Auch für die Gebäude im näheren Umfeld können diese Flächen als Versorgungsbasis dienen, um etwa eine Belieferung mit ressourcenschonenden Lastenrädern oder Elektrofahrzeugen umzusetzen. Diese ließen sich auch mit sogenannten Multi-User Mikro-Hubs kombinieren, also zusätzlichen, zentralen Umschlagpunkten für die »letzte Meile«, die von mehreren Dienstleistern und Anwohnern gemeinsam genutzt werden. Derartige Infrastrukturen und Maßnahmen lassen den Lieferverkehr aus den öffentlichen Flächen und Räumen verschwinden und verlagern diesen bei gleichzeitiger Steigerung der Effizienz auf private Flächen. Dadurch wird der Lkw-Verkehr in der Innenstadt reduziert und ein Beitrag zu weniger Lärm und besserer Luft geleistet.

Wo derart große Lösungen nicht angewendet werden können, sind es beispielsweise Ansätze wie ein sensorgestütztes Lieferzonenmanagement auf Basis von Echtzeitinformationen, die die Stadträume von Stellplatzsuchverkehren und anderen Ineffizienzen bei der Feinverteilung der Güter befreien können. Eine weitere Optimierung besteht in der flächendeckenden Nutzung von privaten und öffentlichen Paketempfangsanlagen, die in den Eingangsbereich von Büro- oder Wohngebäuden oder in die Gebäudefassaden integriert werden. Die Empfänger können so die Pakete jederzeit abholen und die gebündelte Anlieferung sorgt für eine umweltfreundliche Zustellung. In einigen Kommunen, wie zum Beispiel in Esslingen, sind diese Lösungen bereits im Einsatz oder befinden sich in der Umsetzung.

Die Autoren der Studie beschreiben außerdem zukunftsgerichtete Innovationen wie unterirdische Transportsysteme, die die »vorletzte Meile« überbrücken, also die Strecke zwischen dem »Speckgürtel« und der Innenstadt. Dadurch werden die Zufahrtsstraßen von großen Teilen des Güterverkehrs befreit und die Sendungen können an City-Hubs zur Feinverteilung auf kleine und emissionsfreie Fahrzeuge umgeladen werden. Leerfahrten fallen in diesem System kaum an, weil auf dem Rückweg Abfallbehälter befördert werden. »Wenn die Stadtentwicklung schon heute die zukünftigen Logistikbedürfnisse beachtet, werden auf lange Sicht die Lebensqualität der Menschen, die Umwelt und die Verkehrssicherheit profitieren«, sagt Jan-Philipp Jarmer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bereichs Logistik, Verkehr und Umwelt am Fraunhofer IML.

Auch im Hinblick auf die Internationale Bauaustellung 2027 (IBA), bei der das Rosensteinviertel als Großprojekt bespielt wird, liefert die IHK-Studie laut IBA-Intendant Andreas Hofer spannende Impulse: »Hier verdichten sich grundsätzliche Fragen des Planens und Bauens, der Energieversorgung, der Klimaanpassung und nicht zuletzt der Mobilität von Menschen und Gütern. Die umfassende Studie zu neuen Konzepten der City-Logistik ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Gestaltung der Stadt der Zukunft.«