Stabslogistik: digitale Einsatzlogistik für Führungsstäbe von BOS

Stabslogistik entscheidet über Tempo und Treffsicherheit der Einsatzbewältigung. Das Forschungsvorhaben SIMPEL² klärt, wie Führungsstäbe Informations- und Materialflüsse samt Meldeprozessen in Krisensituationen effizienter steuern können. Jede Anforderung bleibt transparent nachverfolgbar.

Das Fraunhofer IML, das Institut für Feuerwehr- und Rettungstechnologie (IFR) der Feuerwehr Dortmund sowie die Eurocommand GmbH haben ein ganzheitliches Logistikkonzept entwickelt und es in einen Softwaredemonstrator überführt. Führungs- und Einsatzkräfte haben ihn in mehreren Stabsübungen erprobt.

Menschenmenge bei einer Großveranstaltung als Einsatzszenario für die digitale Stabslogistik von SIMPEL²
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Projektziel und Herausforderungen in der Stabslogistik

Eine Großeinsatzlage entsteht, wenn Hilfebedarf und sofort verfügbare Ressourcen auseinanderfallen. Die regulären Kräfte der Behörden und Organisationen (BOS) vor Ort reichen quantitativ oder qualitativ nicht aus, um die Lage mit Routinemitteln des täglichen Dienstes zu bewältigen.

Im Stab organisiert das Sachgebiet S4 Versorgung und Logistik. Anforderungen erreichen ihn häufig noch per Funk, Telefon oder E-Mail, Bestände stehen oft in Lagekarten und selbsterstellten Tabellen. »Gerade logistische Anforderungen sind dadurch oft auf mehrere Kommunikationskanäle verteilt«, erklärt Steffen Bölling vom Fraunhofer IML.

Zur Logistik in Großeinsatzlagen gab es bisher kaum Forschung. SIMPEL² reduziert die Kommunikationskanäle, macht Informationsstände transparenter und bereitet logistische Entscheidungen nachvollziehbarer und schneller vor, für planbare Lagen wie Großveranstaltungen ebenso wie für chaotische, wie Naturkatastrophen oder Großbrände.

Unterstützung für Ihre Behörde oder Organisation

Das Fraunhofer IML unterstützt BOS unter anderem bei:

  • Ermittlung von Nutzerbedarfen und -anforderungen,
  • detaillierten IST-Prozessanalysen,
  • spezifischen Konzeptentwicklungen,
  • Optimierung von Logistikflüssen,
  • unabhängigen Marktstudien und Potentialanalysen.

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Projektsteckbrief

Projekttitel

SIMPEL² – Stabslogistik 2.0: Software-gestützte Informations- & Materialflüsse für planbare und chaotische Einsatzlagen

Laufzeit

April 2024 bis Juni 2026

Förderer Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)
Kooperationspartner Institut für Feuerwehr- und Rettungstechnologie (IFR) der Stadt Dortmund
Eurocommand GmbH
Feuerwehr Dortmund
Projektleitung
IFR, Stadt Dortmund

»Bei der Erstellung des ganzheitlichen Konzepts für die Stabslogistik wurden über Workshops und Experteninterviews die spezifischen Anwenderbedarfe aufgenommen, diese im Detail analysiert und anschließend in ein umfangreiches Anforderungsprofil überführt. Die hierbei identifizierten Anwenderbedarfe und -anforderungen waren so vielfältig und zahlreich, dass wir diese für die SIMPEL²-Projektlaufzeit priorisieren mussten«
Holger Schulz M. Systems Eng., wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer IML

Die Lösung

Das Logistikkonzept erfasst logistische Abläufe, Bedarfe und Anforderungen der Anwender systematisch, ordnet sie eindeutig zu und priorisiert sie. Vier Kernbereiche tragen die Lösung:

  • Materialverfügbarkeit,
  • Informationsweitergabe,
  • Nachverfolgbarkeit und
  • Meldeprozesse.

Die Eurocommand GmbH überführte das Konzept in den SIMPEL²-Softwaredemonstrator, der nach Projektabschluss zum Produkt weiterentwickelt und zukünftig in deren bestehendes Führungsunterstützungssystem integriert werden soll.

Die Lösung verändert die Arbeit eines Führungsstabs nicht. Sie stützt bestehende Strukturen und Prozesse digital und führt die Informations- und Materialflüsse sowie Meldeprozesse auf einer Plattform zusammen. Das vereinfacht Entscheidungs- sowie Kommunikationsprozesse und macht die Einsatzlogistik überschaubarer. Ein einfaches Bedienkonzept sichert Akzeptanz bei den Anwendern. Schnellere Reaktionszeiten bei der Materialversorgung, weniger Fehler, geringere administrative Aufwände: das sind die einige der möglichen Potenziale des SIMPEL²-Softwaredemonstrators.

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Stabslogistik bei dynamischen Einsatzlagen

Dynamische Lagen entstehen ohne Vorwarnung: Der Führungsstab nimmt die Arbeit erst im laufenden Einsatz auf und muss die Lage zunächst erfassen. Diese Situation prüfte das Projektteam in zwei Übungen. Die erste simulierte einen Waldbrand, der sich schnell zum Flächenbrand ausbreitete und in mehreren Eskalationsstufen ein Tierheim sowie ein Altenheim bedrohte.

Die zweite Übung stellte ein Unwetter mit steigenden Gewässern, unterlaufenen Kellern und einem Erdrutsch dar.Benötigt werden etwa Sandsäcke, Spezialgeräte, medizinisches Material oder mehr Arbeitskräfte. Die Einsatzabschnittsleitung meldet den Bedarf, der Stab bündelt, bewertet und fordert an. Eine digitale Einsatzlogistik hält diesen Weg auf einer Plattform nachvollziehbar. Das Projektteam sammelte die Verbesserungsvorschläge und führte sie in die Entwicklung zurück.

Stabslogistik bei planbaren Großveranstaltungen

Planbare Lagen erlauben Vorbereitung. Die dritte Übung simulierte eine Großveranstaltung an einem sehr heißen Tag. Die Eskalationsstufen umfassten Hitze bei hoher Besucherzahl, viele betroffene Personen sowie Verletzte, die versorgt werden mussten. Der Stab richtete eine Betreuungsstelle ein und organisierte einen Shuttletransport dorthin. Material, Personal und Verpflegung mussten parallel disponiert werden.

Bedarfe lassen sich im Vorfeld hinterlegen, Bestände bleiben sichtbar, Meldewege sind festgelegt. Das Konzept deckt planbare wie chaotische Lagen in denselben Strukturen ab. Mitarbeitende aus Führungsstab, Lagerbegleiteten diese Arbeit als Expertengremium, zusammen mit Führungskräften, die im Einsatz vor Ort mit dem Stab kommunizieren. Ihre Einschätzungen und Anmerkungen innerhalb der durchgeführten Stabsübungen prägten Konzept sowie Demonstrator.

Forschungsmethodik hinter der Stabslogistik

Zur Logistik in Großeinsatzlagen gibt es bisher kaum Forschung. Deshalb analysierte unser Institut zuerst die Abläufe sowie Bedarfe der Feuerwehren in solchen Situationen. Das Vorgehen war mehrstufig:

  1. Workshops und Interviews mit Fachexperten sowie Einsatz- und Führungskräften der Feuerwehr Dortmund.
  2. Assoziierte Partner aus drei weiteren Feuerwehren sowie zwei Zivil- und Katastrophenschutzorganisationen einbeziehen, um ein breites Bedarfsprofil zu erhalten.
  3. Bedarfe und Anforderungen erheben und priorisieren.
  4. Den Demonstrator in drei Übungsszenarien mit Anwendern validieren und Verbesserungsvorschläge einarbeiten.

Die Übungen begannen früh – die erste lief noch während der Konzeptarbeit. Jede Runde lieferte Hinweise, die unmittelbar in Konzept oder Software zurückflossen. Dieses iterative Zusammenspiel von Wissenschaft, Anwenderperspektive und Entwicklung sicherte die Praxistauglichkeit.

Stabslogistik im Krisen- und Katastrophenmanagement

Verantwortung im Krisen- und Katastrophenmanagement liegt verteilt: Die Länder regeln den Katastrophenschutz, Gemeinden, Städte und Landkreise setzen ihn vor Ort um. Daraus folgen unterschiedliche Handhabungen – und für große Lagen der Zwang zur organisationsübergreifenden Zusammenarbeit über Verwaltungs- sowie Zuständigkeitsgrenzen hinweg, verbunden mit hohem Material- und Ressourceneinsatz.

Die Besetzung eines Führungsstabs richtet sich nach der Lage: von kleiner Besetzung bis zu mehreren Dutzend Personen. Neben erfahrenen Führungskräften der Feuerwehr kommen Fachberater, Verwaltungsvertreter oder externe Akteure hinzu – etwa aus kritischen Infrastrukturen, Hilfsorganisationen oder kommunalen Ämtern. Software für Führungsstäbe muss diese Vielfalt tragen, ohne eingespielte Strukturen zu ersetzen. SIMPEL² folgt dieser Linie: Die Lösung unterstützt die bestehende Stabsarbeit digital und bündelt Meldewege, statt neue Verfahren vorzuschreiben.

Weiterführende Informationen zur Stabslogistik

Das Konsortium strebt eine Folgeförderung an, um SIMPEL² auf weitere Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) auszuweiten auszuweiten um die Breitenwirkung zu erhöhen. Beispielsweise Technisches Hilfswerk, Rettungsdienste, Katastrophenschutz, Betreiber kritischer Infrastrukturen und Unternehmen der privaten Sicherheitswirtschaft. Die Eurocommand GmbH entwickelt den SIMPEL²-Softwaredemonstrator nach Projektende zu einem Logistikmodul für deren Führungsunterstützungssystem weiter.

Unser Institut verbindet logistisches sowie technologisches Fachwissen mit langjähriger Erfahrung in der Sicherheitsforschung.