Im Gespräch: Forschung für die Circular Economy
»Kreislaufwirtschaft scheitert selten an der Idee – sondern an Daten, Logistik und der Bereitschaft zur Veränderung«
Wie gelingt der Schritt von der linearen zur zirkulären Wertschöpfung? Dr. Markus Hiebel und Jan-Philip Kopka, Leiter des Research Departments »Circular Logistics and Sustainability« im Fraunhofer Cluster of Excellence Circular Plastics Economy CCPE, erläutern, warum Nachhaltigkeitsbewertungen, intelligente Logistik, Künstliche Intelligenz und belastbare Daten zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren der Circular Economy gehören.
Die Gesprächspartner
Dr. Markus Hiebel und Jan-Philip Kopka leiten gemeinsam das Research Department »Circular Logistics and Sustainability« am Fraunhofer CCPE. Dr. Hiebel ist zudem Abteilungsleiter Sustainability Management and Participation am Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT und Experte für Nachhaltigkeitsbewertung und Circular Economy. Jan-Philip Kopka ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML und beschäftigt sich mit Circular Logistics, digitalen Informationsflüssen und zirkulären Wertschöpfungsnetzwerken. Gemeinsam unterstützen sie Unternehmen dabei, wissenschaftliche Erkenntnisse in praxistaugliche Lösungen für die Kreislaufwirtschaft zu überführen.
Herr Dr. Hiebel, Herr Kopka, Circular Economy ist inzwischen in nahezu jeder Unternehmensstrategie angekommen. Wird aus dem Trend jetzt endlich Realität?
Dr. Markus Hiebel: Der Druck hat sich deutlich erhöht – durch neue regulatorische Anforderungen wie der Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) oder Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR), steigende Rohstoffpreise, siehe Öl- und Gaspreise, und den Wunsch nach resilienten Lieferketten. Gleichzeitig stellen wir fest, dass viele Unternehmen zwar ambitionierte Ziele formulieren, aber noch nach den richtigen Hebeln suchen.
Jan-Philip Kopka: Kreislaufwirtschaft bedeutet eben weit mehr als Recycling. Sie beginnt bereits beim Produktdesign und umfasst den gesamten Lebenszyklus – von der Materialauswahl über Nutzung und Rückführung bis hin zur Wiederverwendung. Dafür müssen Produkte, Daten und Logistik gemeinsam gedacht werden.
Das Fraunhofer CCPE sieht Künstliche Intelligenz als Schlüssel für die Circular Plastics Economy. Ist KI tatsächlich der Gamechanger?
Jan-Philip Kopka: KI kann die Kreislaufwirtschaft erheblich beschleunigen. Sie hilft dabei, große Datenmengen aus Digitalen Produktpässen, Materialdatenbanken oder Logistikprozessen auszuwerten und daraus bessere Entscheidungen abzuleiten – beispielsweise bei der Sortierung, Rückführung oder Wiederverwendung von Produkten.
Dr. Markus Hiebel: Gleichzeitig gilt: KI funktioniert nur mit qualitativ hochwertigen Daten. Deshalb brauchen wir standardisierte Datenstrukturen und transparente Informationen über den gesamten Produktlebenszyklus. Erst dann kann KI ihr Potenzial wirklich entfalten. Genau darauf weisen wir auch in unserem Positionspapier »Künstliche Intelligenz als Schlüssel zur Circular Plastics Economy bis 2030« hin.
Viele Unternehmen werben mit Nachhaltigkeit. Gleichzeitig zeigen Studien, dass sich Recyclingverfahren oft nur schwer objektiv vergleichen lassen. Warum?
Dr. Markus Hiebel: Weil unterschiedliche Bewertungsmethoden häufig zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Unterschiede bei Systemgrenzen oder Datengrundlagen können die Aussage einer Ökobilanz verändern. Deshalb brauchen wir harmonisierte und wissenschaftlich fundierte Methoden.
Unser Positionspapier »Challenges and Requirements in Comparative Life Cycle Assessment of Plastics Recycling« macht deutlich, wie wichtig Transparenz und Vergleichbarkeit für belastbare Entscheidungen sind.
Jan-Philip Kopka: Nur wenn Unternehmen wissen, welche Maßnahmen tatsächlich ökologische und wirtschaftliche Vorteile bringen, können sie zielgerichtet investieren. Assessment ist deshalb kein Selbstzweck, sondern die Grundlage erfolgreicher Transformation.
Welche Rolle spielt Circular Logistics dabei?
Jan-Philip Kopka: Eine entscheidende. Ohne funktionierende Rücknahmesysteme, transparente Stoffströme und digitale Informationsflüsse bleiben Materialien im linearen Wirtschaftssystem. Circular Logistics schafft die Verbindung zwischen Produkt, Daten und Materialkreislauf.
Dr. Markus Hiebel: Deshalb verbinden wir im Fraunhofer CCPE Nachhaltigkeitsbewertungen mit Logistiklösungen. Nur wenn wir wissen, welche Lösung ökologische und ökonomische Vorteile bietet und gleichzeitig ihre Umsetzung ermöglichen, entsteht tatsächlich eine funktionierende Kreislaufwirtschaft.
Viele Unternehmen sehen Nachhaltigkeit noch immer vor allem als Kostenfaktor. Was entgegnen Sie?
Dr. Markus Hiebel: Nachhaltigkeit ist längst ein Wettbewerbsfaktor. Unternehmen, die ihre Materialien im Kreislauf führen, reduzieren langfristig ihre Abhängigkeit von Primärrohstoffen und können regulatorische Anforderungen deutlich besser erfüllen.
Jan-Philip Kopka: Gleichzeitig entstehen völlig neue Geschäftsmodelle – beispielsweise rund um Wiederverwendung, Remanufacturing oder digitale Services. Wer früh beginnt, verschafft sich einen Vorsprung.
Wo steht die Circular Economy aus Ihrer Sicht im Jahr 2030?
Jan-Philip Kopka: Sie wird wesentlich datengetriebener sein. Digitale Produktpässe, KI und intelligente Informationssysteme werden selbstverständlich sein und Kreisläufe deutlich effizienter machen.
Dr. Markus Hiebel: Gleichzeitig werden Nachhaltigkeitsbewertungen stärker standardisiert und international vergleichbar sein. Unser Ziel ist es, Unternehmen dabei wissenschaftlich zu begleiten – mit belastbaren Bewertungsmethoden, innovativen Logistiklösungen und einem ganzheitlichen Blick auf die Circular Economy.
Letzte Änderung:
Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML