Interview mit Bundesminister Andreas Scheuer

»Digitale Infrastruktur ist genauso wichtig wie die Verkehrsinfrastruktur«

Digitale Plattformen sind für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in der Logistik entscheidend. Die Silicon Economy soll der Plattformökonomie zum Durchbruch verhelfen. Warum es wichtig ist, mit Entwicklungen made in Germany an den Start zu gehen?

Für wen die Silicon Economy ein Riesenvorteil ist und ob die Logistik überhaupt reif für KI & Co. ist, darüber sprach die Redaktion mit Andreas Scheuer, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur.


Das BMVI fördert die »Silicon Economy« mit insgesamt rund 25 Millionen Euro. Erinnern Sie sich noch an den Moment, der Sie von dem Vorhaben Silicon Economy überzeugt hat?

Mir wurde die Silicon Economy im BMVI vorgestellt. Das Fraunhofer IML hat dann 2019 auf dem Digital-Gipfel der Bundesregierung in Dortmund als Weltpremiere einen Schwarm autonomer High-Speed-Fahrzeuge für die Logistik präsentiert – vom BMVI gefördert. Die Bundeskanzlerin war sehr beeindruckt. Die Botschaft war eindeutig: Wo sich heute noch Disponenten um die Transport-Koordination kümmern, werden das morgen mehr und mehr intelligente Paletten und autonome Fahrzeuge selbstständig machen. So sehr mich die Technologie faszinierte, so schnell wurde aber auch deutlich: Für den Einsatz Künstlicher Intelligenz brauchen wir leistungsfähige digitale Plattformen. Deren Betrieb setzt eine ebenso leistungsfähige digitale Infrastruktur voraus. Daraus ist das Vorhaben »Silicon Economy« entstanden: das Konzept für ein offenes Plattformen-Ökosystem, also ein Nebeneinander von Plattformen. Für mich ist wichtig, dass wir mit eigenen Entwicklungen made in Germany an den Start gehen und dieses Feld nicht ausschließlich anderen überlassen. Außerdem wollen wir keine Monopole, bei denen kleinere und mittlere Unternehmen auf der Strecke bleiben. Last but not least brauchen wir eine digitale Infrastruktur, bei der Sicherheit und Datensouveränität gewährleistet werden. Deshalb schaffen wir mit der Silicon Economy eine Infrastruktur für Plattformen – vergleichbar mit einem Verkehrsnetz –, die jedem Unternehmen offensteht und die jedes Unternehmen nutzen kann. Diese digitale Infrastruktur ist so wichtig wie unsere Schienenwege, Straßen, Brücken, Tunnel, Breitbandnetze oder der
Mobilfunk.


Vor einem Jahr, auf dem Zukunftskongress Logistik, haben Sie dem Fraunhofer IML den Förderbescheid für das Großprojekt digital überreicht. Wie lautet Ihr Zwischenfazit: Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Die Schnelligkeit und Dynamik, mit der die Projekte vorangehen, ist absolut beeindruckend. Nach nur einem Jahr liegen sogar schon konkrete Silicon-Economy-Dienste vor. Im Gedächtnis geblieben ist mir zum Beispiel der so genannte Sensing Puck, der wie ein Hockey-Puck aussieht. Der Sensor verbraucht wenig Energie, misst während der gesamten Transportkette unter anderem Temperatur und Luftfeuchtigkeit von Waren und überträgt die Daten per GPS an Verlader und Transporteur. Das erleichtert es enorm, Transporte permanent und umfassend zu überwachen.

© Fraunhofer IML

Ein Beweis dafür, dass die Silicon Economy etwas richtig
macht, ist die Resonanz aus der Wirtschaft und aus den
Verbänden…

…die Logistikunternehmen in Deutschland haben erkannt, welche riesigen Vorteile eine gemeinschaftliche digitale Infrastruktur und die einheitlichen Komponenten für Plattformen und Dienste bieten. Mehr noch: Einige haben sich im Rahmen der Silicon Economy in geförderten, aber auch in selbst organisierten Projekten zusammengetan, um weitere Bausteine zu entwickeln. Mit diesem Engagement schaffen wir die Voraussetzung für die umfassende Digitalisierung der Logistikprozesse und machen die Logistik insgesamt flexibler und transparenter. Das hilft uns dabei, Warenströme besser zu organisieren und unsere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.


Ist die Logistik schon reif für die »Silicon Economy« mit allem, was dazugehört: Künstliche Intelligenz, Autonome Systeme, Blockchain, Plattformökonomie und Datensharing?

In jedem Fall ist die Logistikbranche bereit für die Silicon Economy, wie wir am Interesse und am Engagement der Logistikunternehmen für das Projekt sehen. Denn es geht längst nicht mehr um die Frage, ob wir die Logistik digitalisieren, sondern nur noch darum, wie und wie schnell. Die Silicon Economy garantiert, dass alle Beteiligten, insbesondere auch die vielen kleinen und mittleren Unternehmen mit ihren Beschäftigten, davon profitieren können. Das ist ein großer Vorteil. Die Logistik wird durch die Silicon Economy gerade zum vielleicht umfassendsten Anwendungsfall für sichere Datenräume und für die Cloud-Infrastruktur, die derzeit im Rahmen des Projekts GAIA-X aufgebaut wird.


Welchen Rat geben Sie mittelständischen Unternehmen,
die ihre Logistikprozesse digitalisieren wollen?

Mir gefällt der Leitgedanke von Professor ten Hompel: »Never walk alone.« Transport und Logistik zeichnen sich durch unternehmensübergreifende Wertschöpfungsketten aus. Die kann ich nur digitalisieren, wenn ich mit anderen zusammenarbeite. Eine noch so ausgeklügelte Software in einem Transportunternehmen nützt wenig, wenn nicht auch Verlader und Empfänger der Waren über sie verfügen. Oft sind es die Großen, die vorangehen, weil sie über die Ressourcen verfügen. In der Silicon Economy sitzen sogar Wettbewerber an einem Tisch, um neue Lösungen voranzubringen. Sie stellen diese Lösungen – und das ist ein wirkliches Novum – als Open-Source-Software zur Verfügung. Das heißt: Jedes Unternehmen kann sich die im Projekt entstandenen Quellcodes nehmen, in seine IT einbauen und für seine Lösungen nutzen. Das ist eine Riesenchance gerade für den Mittelstand, ob Logistikdienstleister oder Logistiksoftwareunternehmen.