»Es ist unser Anspruch bei Fraunhofer, Technik in den Dienst der Menschen zu stellen«

Mit dem Leitbild Social Networked Industry hat das Fraunhofer IML eine Vision für die industrielle Zukunft entworfen. Der Fokus der Forschung des Instituts wird in den kommenden Jahren entscheidend darauf ausgerichtet sein – um Mensch und Maschine zum Team zu machen. »Logistik entdecken« hat mit den drei Institutsleitern Prof. Michael ten Hompel, Prof. Michael Henke und Prof. Uwe Clausen über das Leitbild gesprochen, über neue Initiativen des Instituts – und über die Rolle des Menschen.

Warum ist Social Networked Industry das Leitmotto des Fraunhofer IML? Wofür steht das Institut in diesem Zusammenhang?

 

ten Hompel: Es ist unser Anspruch bei Fraunhofer, Technik in den Dienst der Menschen zu stellen, aber auch die Logistik von morgen effizient und produktiv zu gestalten. Das Motto »Social Networked Industry« steht für diese Symbiose – Menschen und Maschinen als Partner in den sozialen Netzwerken unserer logistischen Zukunft. Dabei dürfen wir das wichtigste Ziel nicht aus den Augen verlieren: Menschen dürfen nicht zum Störfaktor einer hochautomatisierten Logistik werden, sondern zum Kopf der Social Networked Industry.

Henke: Die Interaktion zwischen Mensch und Technik wird in Zeiten der Digitalisierung auch in der Logistik neue Formen annehmen. Das Fraunhofer IML arbeitet in diversen Forschungsprojekten an neuen Formen industrieller Wertschöpfungsprozesse. Dabei geht es uns insbesondere um die Kollaboration des Menschen mit neuen Technologien und deren Einsatz in der Logistik, wie zum Beispiel Roboter oder Virtual und Augmented Reality. Dabei wird es zunehmend darauf ankommen, den Nutzen von beispielsweise cyberphysischen Systemen für den Menschen auch ökonomisch zu bewerten.

 

Clausen: Unser Institut steht für »100 % Logistik«, für alle Funktionen und Ausprägungen in der Logistik, und für Innovation. Digitalisierung als Megatrend in der Wirtschaft und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist einer, wenn nicht der wesentliche, Treiber von Innovation. Maschinen, Ladeeinheiten, Fahrzeuge u.v.a. werden mehr miteinander und mit den Menschen Informationen austauschen. Als führendes Institut der Logistikforschung müssen wir die Arten und Weisen, wie das geschieht und wie es sich auswirkt untersuchen, denn letztlich ist es an uns, mit unseren Partnern in Wissenschaft und Wirtschaft die Systeme für die Logistik der Zukunft zu gestalten.

Getreu dem Institutsmotto 100 % Logistik, gestalten Sie in Ihren jeweiligen Institutsbereichen 100 % Technologie (Prof. ten Hompel), 100 % Management (Prof. Henke) und 100 % Mobilität (Prof. Clausen). Was bedeutet das Leitmotto Social Networked Industry für ihren jeweiligen Institutsbereich? Welche Rolle spielen dabei die Zukunftsbilder?

 

ten Hompel: Gartner prognostiziert, dass das Internet der Dinge Ende 2020 etwa dreimal so groß sein wird, wie das Internet heute. In wenigen Jahren wird es uns ganz normal vorkommen, mit Gegenständen zu sprechen und wir werden uns genauso schnell daran gewöhnen wie vor zehn Jahren an den Wisch über den Bildschirm des ersten iPhones. Dafür brauchen wir jede Menge neuer Technologie, die wir am Fraunhofer IML entwickeln.

Henke: Der Bereich Unternehmenslogistik steht mit 100 % Management für das Management des Wandels entlang von Supply Chains hin zur Social Networked Industry, d. h. für digitale Transformation, Migration und Change. Im Fokus unserer Arbeit steht die Frage, welche neuen Organisationsformen und Prozesse Unternehmen benötigen, um fit für Industrie 4.0 zu werden, und wie diese zu gestalten sind. Das Zukunftsbild »Smart Finance« ist ein wesentliches Element, denn auch die Finanzprozesse müssen sich dem Paradigma der Social Networked Industry anpassen. Wenn wir auf Basis eines real-time-nahen Informationsflusses für den Materialfluss heute von Same Day und Same Hour Delivery sprechen, dann muss der Finanzfluss im Sinne eines Financial Supply Chain Management mit diesen Geschwindigkeiten mithalten können, um eine Social Networked Industry nicht ins Wanken zu bringen.

 

Clausen: In der Mobilität sehen wir seit Jahren, wie Apps die Vernetzung zwischen Verkehrssystemen, den jeweils aktuellen Austausch zwischen Angeboten und Nachfragern und damit die Orientierung und effiziente Gestaltung von Ortsveränderung in ganz neuer Weise ermöglichen. »Nutzen statt Besitzen« ist einmal eine Frage der Einstellung, die sich in der jungen urbanen Bevölkerung seit einer Generation schon deutlich geändert hat, und zum anderen eine Chance für vernetzte Mobilität, getrieben durch innovative Angebote. Im Bereich Logistik, Verkehr und Umwelt haben wir uns ja in der Personen- und Gütermobilität dem Ziel der Nachhaltigkeit verschrieben, d. h. wir analysieren nicht nur, was machbar ist, sondern auch und gerade, was eine Social Networked Industry ökonomisch, ökologisch und sozial bedeuten wird und wie sie über Grenzen von Unternehmen und Regionen hinweg gestaltet werden sollte.

Welche Rolle wird der Mensch in der Social Networked Industry einnehmen?

 

Clausen: Menschen sind als Kunden, als Innovatoren, als auch in der Planung, Steuerung oder im Betrieb Mitarbeitende und in vielfältiger anderer Form die Betroffenen der Veränderungen, die durch die Social Networked Industry ausgelöst werden. Darin liegen viele Chancen, aber auch Herausforderungen, bei denen fast immer der Mensch im Mittelpunkt steht. So gehören die Verbesserung der Sicherheit autonomer Systeme oder ihre Nutzung bspw. im Gesundheitsbereich, wo Vertrauen zwischen Menschen und das Verstehen der Funktionsweise von Technik besonders wichtig sind, zu den spannendsten Forschungsfragen der aktuellen Zeit.

ten Hompel: Wir erschaffen mit der Social Networked Industry weitaus mehr als Technologie. Es entsteht eine neue Welt, in deren Mittelpunkt der Mensch steht. Das mag sich im ersten Moment anachronistisch anhören, doch ich bin fest davon überzeugt, dass langfristig, auch ökonomisch, nur Technologien erfolgreich sein werden, die den Menschen nützen. Gerade in Deutschland müssen wir uns Gedanken machen, wie wir die Welt gestalten, in der wir künftig leben wollen. Es wäre geradezu dumm, die digitale Transformation auszusitzen und all die technischen Möglichkeiten unserer Zeit nicht für uns zu nutzen. Abgesehen davon wäre es auch ziemlich langweilig.

 

Henke: Letzlich muss der Mensch die Social Networked Industry gestalten und die zentrale Rolle spielen. Deshalb haben wir auch den Menschen als zentralen Bestandteil unseres Bereichs in das Dortmunder Management-Modell zur Industrie 4.0 aufgenommen, das wir sukzessive auf die Social Networked Industry erweitern. Am Fraunhofer IML insgesamt arbeiten wir deshalb verstärkt an Projekten gemeinsam mit der Sozialforschungsstelle der TU Dortmund und mit Instituten der Arbeitswissenschaften, zum Beispiel dem Leibniz-Institut für Arbeitsforschung (IfADo).

Das Institut bietet mit zahlreichen neuen Initiativen, wie dem »Leistungszentrum Logistik und IT«, dem »Innovationslabor«, dem »Digital Hub« und den »Enterprise Labs« ganz neue Kooperationsmöglichkeiten. Was tragen diese zur Social Networked Industry bei?

 

Henke: Man kann sagen, zusammen gestalten die Initiativen die Inhalte der Social Networked Industry im Rahmen der unterschiedlichen Innovationsstufen. Im Leistungszentrum beispielsweise geht es vor allem um Grundlagenforschung, im Innovationslabor dagegen stehen das Testen am realen Objekt, der Aufbau erster Pilotanwendungen in der Praxis und die Demonstration der Kernelemente im Vordergrund.

ten Hompel: Das ist auch alternativlos, denn so grundlegende Entwicklungen wie eine Social Networked Industry brauchen Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Disziplinen kreativ zusammenarbeiten. Die genannten Initiativen haben alle etwas gemeinsam: Sie schaffen solche Räume und bringen die Köpfe zusammen, die gemeinsam in der Lage sind, wirklich Neues zu schaffen. Das bedingt auch neue Formen in der Zusammenarbeit mit der Industrie, so wie wir sie in unseren Enterprise Labs leben.

 

Clausen: Dort vertiefen wir in enger Partnerschaft mit unseren Auftraggebern ganz bestimmte Aspekte innovativer Lösungen für Logistik und Supply Chain Management losgelöst von den festen Strukturen eines Projekts...

 

Henke: ...und setzen sie direkt in unserem eigens dafür geschaffenen Enterprise Lab Center und den dort vorhandenen Testbeds und Co-Working-Spaces um.

 

ten Hompel: Unser Enterprise Lab Center ist die Zukunft der Forschung. Die Kombination aus Co-Working-Spaces, hochmoderner technischer Ausstattung und enger Form der Zusammenarbeit erschließt eine ganz neue Dimension der interdisziplinären Forschung und Entwicklung zwischen Unternehmen und dem Fraunhofer IML.

 

Henke: Ergänzend dazu stellt der Digital Hub für uns zum einen eine neue Form der Kollaboration mit Kunden und weiteren Experten außerhalb des Fraunhofer IML dar, mit der wir die komplette Innovationskette konsequent von der Ideengenerierung bis zum Praxistransfer am Wissenschaftsstandort Dortmund adressieren. Hier testen wir in gewisser Form unsere eigene Social Networked Industry. Zum anderen können wir Start-ins im Hub dabei unterstützen, die Ideen der Social Networked Industry bis in den Markt zu bringen. Start-ins sind Innovationsteams innerhalb eines Unternehmens aus Logistik und Produktion, die einen digitalen Service oder ein digitales Produkt jenseits des bestehenden Portfolios entwickeln.

 

Clausen: Last but not least ist unser »Leistungszentrum Logistik und IT« Ausdruck einer wachsenden Anerkennung für Logistik als wissenschaftliche Disziplin. In komplexen Logistiksystemen greifen viele Einzelprozesse ineinander. Modelle, mit denen wir Logistikstandorte oder -netzwerke beschreiben, lassen sich nutzen, um Fragestellungen der Planung und des Betriebs mittels Simulation und Optimierung zu beantworten. Dabei dürfen wir nicht der Vorstellung verfallen, alle Daten zu allen relevanten Sachverhalten immer aktuell verfügbar machen zu können. Wir forschen dazu, wo Grenzen bisheriger Modellierungsansätze liegen und wie Modelle einer Social Networked Industry mit diesen verknüpft werden können.

Das beutet Forschen, Ausprobieren, Produkte zur Marktreife bringen sowie Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) an einem Ort. Warum ist das jetzt wichtiger denn je?

 

Clausen: Die Konjunktur läuft gut, gerade für viele deutsche Unternehmen. Digitalisierung wird als Chance begriffen. Die internationalen Krisen wirken (hoffentlich) nicht als Bremse für eine arbeitsteilige, innovative Gesellschaft und Geld scheint für die richtigen Themen auch da zu sein. In solchen Zeiten brauchen wir Orte der Begegnung, eine gute Arbeitsumgebung, gutes Zeitmanagement und die richtigen Partner. Wir sind da in wirklich allen Bereichen gut unterwegs – von der Forschung bis zum Mittelstand.

ten Hompel: Letztlich gilt: Der Schnellere wird das Rennen um das Internet der Dinge gewinnen. Start-ins erschließen hier gerade Märkte, von deren Dimension wir uns kaum eine Vorstellung machen. Wir sprechen von agilen Entwicklungen, die in wenigen Monaten bis zur Serienreife gebracht werden. Es ist wichtig, dass wir allem voran den deutschen Mittelstand für diese Entwicklung – wieder – begeistern und zugleich mit unseren Möglichkeiten und unserem Know-how unterstützen. Das betrifft die gesamte Innovationskette, von der grundlegenden Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz bis zum marktfähigen Internetof-Things-Produkt und dem dazugehörigen Geschäftsmodell.

 

Henke: Nimmt man allein die zurückliegenden fast zwei Jahre Arbeit im Kompetenzzentrum Mittelstand 4.0, dessen Konsortialführung bei uns in Dortmund liegt und das wir gemeinsam mit unseren Kollegen aus Aachen und Paderborn betreiben, haben wir die Bedürfnisse von KMU sehr genau kennengelernt. Da die Digitalisierung und Industrie 4.0 teilweise mit einer sehr radikalen Änderung von Geschäftsmodellen und Produkten einhergeht, benötigen die KMU externe Unterstützung von Experten. Gleichzeitig arbeiten KMU nicht so gerne mit zu vielen verschiedenen Akteuren zusammen, so dass es sinnvoll ist, diese Unterstützung an einem Ort zu bündeln.

Sie teilen Ihre Institutsstrategie und damit Ihre Vision mit allen Akteuren am Markt. Warum? 

 

ten Hompel: Weil nur wer teilt auch etwas bekommt. Deshalb teilen wir unsere Strategien und Zukunftsbilder kontinuierlich mit einer breiten Öffentlichkeit, um gemeinsam mit unseren Partnern zu lernen.

Clausen: Und lernen kann man nur gemeinsam – intern wie extern. Ohne Austausch und ein hohes Maß an Offenheit würde das weniger gut funktionieren, davon bin ich fest überzeugt.

 

Henke: Zudem haben wir als Forschungsinstitut einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag. Wir verstehen uns als Vordenker in der Logistik und zeigen das auch dadurch, dass wir unsere Zukunftsbilder allen Akteuren zugänglich machen. Das dient letztlich übrigens nicht nur unserem Auftrag, sondern schafft quasi eine eigene Plattform für die Social Networked Industry.

 

Herr Prof. ten Hompel, Herr Prof. Henke und Herr Prof. Clausen, vielen Dank für das Gespräch!

 

(Dieses Interview ist Teil der neuen Ausgabe »Logistik entdecken«, dem Magazin des Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik IML. Sie wollen mehr über die Welt der Logistik erfahren? Dann laden Sie hier die aktuelle Ausgabe herunter.)